02. Mai 2012: Der Bamberger Reiter
Claudia Rückert (HU Berlin)
„Bildpolitik im 13. und 20. Jahrhundert: Der Bamberger Reiter“
Notizen zu Vortrag und Diskussion
Zur Einleitung ihres Vortrags präsentierte Frau Rückert den aktuellen Internetauftritt des Berliner Restaurants »Bamberger Reiter«, das als Logo einen geflügelten, bärtigen Heros auf aufgebäumtem Pferde über einem Frakturschriftzug verwendet. Es blieb offen, ob diese dem Original unähnliche Adaption die andauernde Wirksamkeit des Motivs, oder im Gegenteil seine Vergessenheit und Verfälschung im heutigen visuellen Gedächtnis dokumentieren sollte.
Den ersten Teil ihres Beitrages widmete Frau Rückert sodann der erratischen Rezeption des Bamberger Reiters im Nationalsozialismus, wo die Skulptur – entgegen ihrer von Georg Dehio bereits wahrscheinlich gemachten stilistischen Abhängigkeit von der Reimser Schule – zum Ideal- und Urbild eines charismatischen, markigen, deutschen Ritters der Stauferzeit umgedeutet wurde. Von besonderer Bedeutung für die mediale Auffassung des Werkes in dieser Zeit waren die photographischen Aufnahmen Walter Heges, an denen exemplarisch aufgezeigt wurde, wie im Dienste der Kulturpropaganda durch dramatische Bildinszenierung der eigentlich zarte Charakter der Figur ins Maskulin-Pathetische umgewendet werden konnte. Mit Film- und Plakatbeispielen wurde verdeutlicht, wie die Abbildungen der Skulptur im In- und Ausland als symbolische Chiffre eines vermeintlichen „deutschen Wesens“ aufgefaßt und teilweise karikiert wurden (so etwa in einem alliierten Propagandafilm, in dem der Reiter mit Hitlerbärtchen dargestellt wurde). Das Befremdliche und Perfide dieses Bildgebrauchs wurde durch einen Vergleich mit der Skulptur der Uta aus dem Naumburger Dom noch unterstrichen, die als »Ersatz für die vakante Stelle einer first lady im „3. Reich“« ebenfalls Gegenstand verfälschender Indienstnahme durch die Politik wurde.
Den größeren Teil ihres Beitrags widmete die Referentin schließlich einer extensiven Werkbetrachtung im Kontext des Kirchenraumes: Eingehend beschrieb sie das Werk als skulpturales Relief unter Hervorhebung der stupenden Fülle realistischer Details bei Reiter und Pferd, die, im Zusammenhang neuerer Untersuchungen zur Farbfassung und zur uneinheitlichen Bauchronologie des Domes, zu einer Revision der bisher dominanten Auffassungen seiner politischen Ikonographie, insbesondere aber der Frage der Identität des Reiters selbst, führen könnten. Hier schloß sich Frau Rückert, nach einem zusammenfassenden Überblick der bisher in der Literatur vorgebrachten Argumente, der Meinung Peter Cornelius Claussens an, die den Reiter nicht als den hl. Stephan I. von Ungarn, sondern als dessen Schwager Heinrich II. identifiziert, der hier als noch bartloser Jüngling dargestellt sei. Einen weiteren Fokus des Referats bildete die Frage nach dem möglichen Auftraggeber des Bamberger Reiters. Da die Entstehung in situ mit dem Wiederaufbau des Bamberger Doms nach dessen Brand 1185 durch die jüngere Reimser Schule zusammenfällt, so kommen nur ausgewählte Auftraggeber respektive Stifter in Frage. Nach gängiger Forschungsmeinung ist der Wiederaufbau durch Bischof Eckbert von Andechs-Meranien veranlasst worden, Frau Prof. Rückert betonte aber seine ständige Abwesenheit in der Bischofsstadt und sprach sich für ein Auftraggeber-Konglomerat bestehend aus dem Domkapitel aus. Diese Theorie würde die intendierte Darstellung Heinrichs II. nur unterstreichen.
Diese abschließende Setzung erntete in der anschließenden, lebhaften Diskussion heftige Kritik, insbesondere von Seiten Robert Suckales, einem der Hauptvertreter der Stephan-These, der in mehreren Wortbeiträgen wesentliche, der Referentin widersprechende Gedanken Argumente entgegensetzteformulierte. Mit Blick auf die Frage, ob die Erforschung der Rezeption mittelalterlicher Kunst im Nationalsozialismus nicht Folgen für die heutige (wissenschaftliche) Auffassung dieser Werke haben müsse, verwiesen Robert Suckale, Kai Kappel und weitere zudem auf den fortdauernden, unreflektierten Gebrauch der Hegeschen Photographien, die so noch immer unser Bild des Mittelalters prägten. Ein möglicher Antikenbezug der Skulptur wurde erst in dem sich anschließenden informellen Gespräch erörtert.
