27. Juni: Konstruktion und Interpretation. Neue werkbezogene Forschungen an Zeugnissen mittelalterlicher Schatzkunst

27. Juni: Konstruktion und Interpretation. Neue werkbezogene Forschungen an Zeugnissen mittelalterlicher Schatzkunst

Zusammenfassung des Vortrags von Lothar Lambacher zu „Konstruktion und Interpretation. Neue werkbezogene Forschungen“

Herr Lambachers Vortrag war ein Plädoyer für die detailorientierte und präzise Betrachtung von Werken als auch für die kritische Sicht und Beurteilung von generellen Zuschreibungen. Insbesondere bei der Erschließung und Objektsicherung mittelalterlicher Werke der Schatzkunst seien neben formalgeschichtlichen, stilkritischen und ikonographischen Untersuchungen die technischen und materialkundlichen Aspekte von herausragender Relevanz. Drei Werke dienten als Exempel seiner technisch und restauratorisch orientierten Analysen: der Tragaltar mit getriebenen Silberfiguren aus dem Welfenschatz aus Berlin, das Armreliquiar Karls des Großen im Musée du Louvre in Paris und ein Turmreliquiar aus Darmstadt.

Der aus dem Welfenschatz stammende und heute im Kunstgewerbemuseum in Berlin beherbergte Tragaltar mit teils stark deformierten Treibarbeiten zählt zum Typus der kastenförmigen Tragaltäre (link). An seinen Längsseiten befinden sich zwischen Halbsäulen jeweils fünf stehende Apostelfiguren. Petrus und Paulus hingegen, erkennbar an ihren Attributen, flankieren auf der einen Schmalseite die Figur des Christus, während sich auf der gegenüberliegenden Seite anhand der erhaltenen Fragmente die Szene mit den drei Frauen am Grabe rekonstruieren lässt. Die umlaufende Rahmung besteht aus Silberblechen mit einer Blattwellenranke, auf der Oberseite ist als Einfassung des Altarsteins die Inschrift angebracht: +DEXRA / [SACERDO]TIS COMM[ENDAT] [MV]/ NERA VOTIS +Q[VO]D DA[TVR / H]OC LAPIDE DE PANE FI[T HOSTIA] / VITAE („Die Rechte des Priesters übergibt die Gaben durch Gebete. Was auf diesem Stein dargebracht wird, wird aus Brot zur Hostie des Lebens“). Die aus Kupfer gearbeitete Bodenplatte zeigt als zentrales Motiv das Agnus Dei, umgeben von den Symbolen der Evangelisten. Auf der Unterseite ist zudem die Abnahme der ursprünglichen Füße des Tragaltars erkennbar, da an ihrer Stelle Nägel mit knopfartigen Rundköpfen angebracht wurden.

Seit dem späten 19. Jahrhundert hat die kunsthistorische Forschung die Verwandtschaft zum Gemenianus Portatile im Domschatz zu Modena postuliert. Die zwei Werke ähneln sich formal bezüglich des kastenförmigen Typus und des Gliederungsschemas, der umlaufenden Rahmung und der Anbringung der niellierten Inschriften. Der Tragaltar in Modena wurde eigens für den Gebrauch im dortigen Dom angefertigt und entstand aller Wahrscheinlichkeit nach im Zusammenhang mit der Auffindung und Translation der Gebeine des Heiligen in den Dom im Jahre 1106. Herr Lambacher konnte jedoch aufzeigen, dass es sich bei den formalen Ähnlichkeiten lediglich um generelle Charakteristika handelt und dass bei einer präziseren Objektbetrachtung und der formalgeschichtlichen und technologischen Aspekte die Unterschiede zwischen den Werken deutlicher werden als deren Gemeinsamkeiten. Hierzu gehört die Anfertigung des Kerns aus Nussbaum (Modena) oder Eichenholz (Berlin), die divergierende Technik der getriebenen Figuren, die Verwendung unterschiedlichen Steinmaterials der Mensen oder ein ungleicher Verschluss des Sepulchrums. So konnte mithilfe der Untersuchung die traditionelle These von der Herstellung in einer Werkstatt oder innerhalb einer Lokaltradition anhand der Werke selbst widerlegt werden.

Das zweite, von Herr Lambacher präsentierte Beispiel konzentrierte sich auf die Rekonstruktion des ursprünglichen Erscheinungsbildes des Armreliquiars Karls des Großen. Das um 1165 entstandene maasländische Kastereliquiar besitzt im heutigen Zustand teils nicht mehr ursprüngliche Beschläge oder deren Positionierung hat sich im Laufe der Zeit verändert. So berichtete der Referent von seiner 2010 erfolgten technischen Untersuchung des Objektes im Musée du Louvre, bei der alle Beschläge abgenommen worden sind und wie diese Untersuchung kunsthistorische Thesen zu bestätigen und neue zu formulieren erlaubten. Bereits Dietrich Kötzsche war aufgefallen, dass zwei provenienzlose, heute sich in Köln und Aachen befindende Grubenschmelzplatten mit Darstellungen der Kardinaltugenden Justitia und Temperantia gemäß ihrer Größe (als auch ihrer stilistischer und ikonographischer Charakteristika) für die Verzierung der Deckplatte des Reliquiars geeignet erschienen. Für die Überprüfung der These, die erst nach seinem Tod 2008 eine Realisierung erfuhr, wurden Beschlagplatten aus Acrylglas mit übereinstimmenden Konturen und Nagellöchern hergestellt. Auf packende Weise schilderte Herr Lambacher die Demontierung aller sich noch am Reliquiar befundenen Beschläge, die Analyse des Holzkerns und der Platzierung der Acrylbeschläge. Der Befund ergab eine Übereinstimmung mit den Bohrungen auf der Deckplatte. Nach der gelungenen Rekonstruktion der ursprünglichen Funktion der Grubenschmelzplatten ergaben sich bei der Gelegenheit des offenen Holzkerns neue Fragen, die weiterer Recherchen bedürfen, wie nach der Dekoration der Mittelfläche des Deckels. Da das ehemals angenagelte Seidengewebe stilistisch frühestens in das 15. Jahrhundert datiert werden kann und im Holzkern kein weiteres Nagellochmuster sichtbar wurde, ging der Referent von der Verzierung der Mittelfläche durch eine einzige Platte aus. Anhand eines Silbernagels ließ sich nachweisen, dass es sich bei dieser Platte um Silberblech gehandelt haben muss, konträr zu den Kupfernägeln der Grubenschmelzplatten. Doch wie diese Platte gestaltet gewesen sein könnte, muss bis zu einem glücklichen Zufallsfund offenbleiben. Somit konnte Herr Lambacher anhand der Grubenschmelzplatten, ihrer ursprünglichen Positionierung, der Verwendung von großflächigen Silberbeschlägen und des Verzichts auf serielle, gestanzte Beschläge das Bemühen konstatieren, dem hohen Rang des Auftrags nicht nur künstlerisch, sondern auch handwerklich-technisch Rechnung zu tragen.

Auch das letzte Beispiel der technischen Untersuchung eines Turmreliquiars begeisterte die Anwesenden. Das im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt aufbewahrte Werk gehört zu einer Gruppe von drei erhaltenen Zentralbaureliquiaren, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Köln entstanden sind. Im Zuge einer 2010 / 11 erfolgten Restaurierung wurden die Werke bis zum Holzkern demontiert, um formale und funktionale Veränderungen innerhalb der Geschichte der Werke rekonstruieren zu können. So konnte bei dem Darmstädter Reliquiar die Datierung in das Jahre 1180 und eine Umarbeitung um 1210 offenbart werden. Anhand des Holzkerns und der Wiederverwendung einiger ursprünglicher Grubenschmelzplatten, deren Neuschaffung oder sekundäre Verwendung konnten die Änderungen nachvollzogen werden. Diese drei Gruppen an Platten konnten aufgrund der unterschiedlichen Blechstärke, der verwendeten Emailfarben, der Farben und Epigraohie der Tituli differenziert werden. Die Arbeiten am Darmstädter Turmreliquiar sind erst jüngst abgeschlossen worden. Die von Herrn Lambacher präsentierten Erkenntnisse über Technik und Konstruktion wurden bei dem im vergangenen November stattgefundenen Symposion durch andere interdisziplinäre Vorträge zur Entstehungs-, Nutzungs- und Restaurierungsgeschichte sowie zum Stil des Darmstädter Turmreliquiars ergänzt. Eine Publikation befindet sich in Vorbereitung.

Durch den Vortrag wurde deutlich, wie relevant das Objekt, sein Materialbefund und Technik als Ausgangspunkt weiterer Analysen ist, ein Umstand, welcher in der kunsthistorischen Forschung gern marginalisiert wird.

(Abbildungen zu den Tragaltären entnommen aus: Budde, Michael: Altare portatile. Kompendium der Tragaltäre des Mittelalters 600-1600. Münster 1998. Cd-Rom, Nr. 14, 16; Abbildungen zum Armreliquiar siehe: Kötzsche, Dietrich, Fragmente vom Armreliquiar Karls des Großen. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstgeschichte 64 (2010). S. 173-186; Lambacher, Lothar: Neue Befunde am Armreliquiar Karls des Großen. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstgeschichte 64 (2010). S. 187-201)

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