Die Initiative

Keine Kunstgeschichte ohne Mittelalter!

 

Gedanken zur Gründung der Doktorandeninitiative »Warum Mittelalter?«

 

Kunstgeschichte und Mittelalter

Nicht die Kunst der Renaissance, sondern die des Mittelalters bildete, wie Robert Suckale zum Eingang der jüngsten Podiumsdiskussion hervorhob, im 19. Jahrhundert den Nährboden und Ausgangpunkt der europäischen Kunstgeschichte als Wissenschaft. Die Aneignung der Werke – zumal im deutsch-französischen Nachbarschafts- und Konkurrenzverhältnis – ging bis zum zweiten Weltkrieg unüberhörbar mit chauvinistischen, nationalapologetischen Strategien einher; damit muss sich die moderne Kunstgeschichte sehr kritisch auseinandersetzen. Zugleich aber entwickelte sich eine akademische Tradition ausgreifender, profunder Objektkenntnis, die noch bis in die 1980er Jahre die Lehr- und Forschungsweisen des Faches wesentlich bestimmt hat. Aber nicht nur das Werkkorpus, sondern auch der Methodenfundus der Kunstgeschichte, bis hin zur Theorie des Stils, entstanden aus der Erfassung und dem deutenden Verstehen mittelalterlicher Kunst. Eine Kunstgeschichte ohne, oder mit immer weiter marginalisiertem Mittelalterbezug vermittelt daher nicht nur ein defizitäres Bild der Entwicklung der bildenden Künste in Europa, sondern steht auch in der Gefahr, ihre eigene Wissenschaftsgeschichte zu vergessen.

 

Die Krise

Es steht das Klischee im Raum, die Kunstgeschichte des Mittelalters verschanze sich hinter ihrem Gegenstand und beharre auf der ebenso unwiderlegbaren wie positivistischen Kennerschaft einer fast 1000jährigen Epoche, ohne sich den methodischen und theoretischen Entwicklungen des Faches in den letzten 30 Jahren zu öffnen. Damit einher geht die pauschale Unterstellung, die mediävistische Kunstgeschichte sei durch eben diese elitäre Ignoranz an ihrer Marginalisierung selbst schuld. Umgekehrt wird das Zerrbild einer Wissenschaftslandschaft entworfen, die sich ganz der Huldigung akademischer Moden und der Drittelmitteleinwerbung verschrieben habe, und daher die gewachsene Substanz der alten Zeit fürchte wie der Kaiser das Kind am Straßenrand, das seine neuen Kleider als inexistent entlarvt.

Für beide Standpunkte läßt sich sinnvoll argumentieren, doch führen sie in fruchtlose Opposition. Aussagekräftiger ist ein Blick auf die allgemeine Rezeptionshaltung der Gegenwart gegenüber dem Mittelalter, die selbst paradoxe Züge trägt: Zum einen ist das Mittelalter populär wie nie zuvor, Landesausstellungen florieren, Gauklermärkte und Burgen haben Zulauf, Fantasy-Literatur und Unterhaltungsindustrie hantieren bevorzugt mit den einschlägigen Orten, Motiven und Schablonen. Diese öffentliche Beliebtheit des Mittelalters ließe eine verstärkte Hinwendung auch der Studierenden zur Kunst der Zeit vom 8. bis 15 Jahrhundert erwarten; das Gegenteil aber ist der Fall: Die pauschalen Versatzstücke des romantisch-phantastischen, „düsteren“ Mittelalters scheinen wie ein unüberwindliche Mauer zwischen der Populärkultur und einer differenzierten, nachhaltigen akademischen Beschäftigung zu stehen.

Die Initiative »Warum Mittelalter?« formierte sich im Angesicht der drohenden Suspendierung um das Mittelalter konzentrierter Lehr- und Forschungskapazitäten am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität. Ihr Ziel ist es, die Aufmerksamkeit von Studierenden, Institutsangehörigen, Entscheidungsträgern sowie der Öffentlichkeit auf die Notwendigkeit und Reichhaltigkeit solcher Arbeit zu richten.

Auch außerhalb unseres Instituts nehmen die Möglichkeiten zu Studium und Erforschung europäischer mittelalterlicher Kunst ab. Ein sinkendes Angebot aber führt zu sinkender Nachfrage und damit zu schwindendem Wissen um die diesbezüglichen Objekte, Begriffe, Fragestellungen und beruflichen Betätigungsfelder.

Entgegen dieser Tendenz sollen die in der laufenden Veranstaltungsreihe versammelten Beiträge einen spontanen, aber aussagekräftigen Überblick über die thematischen und methodischen Möglichkeiten dieses Wissenschaftsfeldes bieten und damit Lust und Neugierde auf den Gegenstand wecken.

 

 Perspektiven & Ziele

 

Die Veranstaltungsreihe ist konzipiert als ein Spektrum vielfältiger Impulse, die, von konkreter Forschung ausgehend, eine je eigene Facette zur Beantwortung der titelgebenden Frage beitragen. Im Fokus sollen dabei neue und überraschende Perspektiven und Ansätze stehen, die die Aktualität, Aussagekraft und heuristisch-hermeneutische Relevanz der kunsthistorischen Mittelalterforschung im Kontext des Faches und seiner gegenwärtigen Strömungen herausstellen, ohne dabei freilich der fatalen Forderung nach gesellschaftlicher oder ökonomischer Verwertbarkeit geisteswissenschaftlicher Arbeit das Wort zu reden.

Die Initiative befindet sich in der Gründungsphase. Für das Sommersemester 2012 konnten in einem ersten Schritt eine Podiumsdiskussion und eine Vortragsreihe organisiert werden, die vielfältige Antworten und Argumente zur titelgebenden Frage nach Bedeutung und Situation der kunsthistorischen Mittelalterforschung erwarten lassen. Ein zentrales Ziel ist es, das Interesse von Studierenden und Lehrenden gleichermaßen auf die Initiative zu lenken und gemeinsam einen offenen Austausch über Probleme und Perspektiven zu führen und auch über Kommunikationswege nachzudenken, über die Interessenten und Motivierte in einem flexiblen und schnellen Informationsaustausch treten können.

Direktes Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, einen Sammlungsort und eine Schnittstelle dieser diversen Perspektiven zu entwickeln und darüber hinaus jene skandalöse Leerstelle öffentlich zu markieren (nicht zu füllen!), die durch den Verlust auch der letzten Professur für die Kunstgeschichte des Mittelalters an den Berliner Universitäten klafft.

Die Initiatoren (v. l.): Joris Corin Heyder, Joanna Olchawa, Christine Seidel und Johannes Vincent Knecht

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Die Doktorandeninitiative »Warum Mittelalter?« bedankt sich bei Frau Prof. Dr. Dr. Monika Feller-Kniepmeier für ihre freundliche Unterstützung.

 

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